Pandu (9) wirkte tief gekränkt. Die Ablehnung, die er von seinem Papa erfahren hatte, saß tief. Pandu hatte es sich angewöhnt, trübsinnige Gedanken über seinen Papa zu denken;  er hatte das Glaubensmuster aufgebaut “Keiner liebt mich und keiner mag mich –  schließlich reagiert mein Papa kaum auf mich, denn er nimmt keinerlei Kontakt zu mir auf!”
Neulich erzählte Pandu mir, dass seine vorherige Klassenlehrerin ihm kein Schreibschriftheft gegeben hätte, “deshalb habe ich ja nie Schreibschrift üben können.”  Ich fragte nach: “Warum gab sie dir kein Heft?” “Ich war mit dem alten Schreibheft noch nicht fertig”. Aha. Ich sprach mit Pandu darüber, dass ihr damit kein Vorwurf zu machen wäre, ihr Verhalten war gut zu verstehen, solche Hefte bauen aufeinander auf. Er nickte.
Für einen Moment war Pandu den Tränen nahe.

Später ergab sich eine gute Gelegenheit, mit Pandu über seine Familie zu sprechen. Noch war ich ja neu in der Klasse (übrigens bin ich für die Drittklässler bereits ihre 3. Klassenlehrerin) und Pandu war mir aufgrund seiner exzellenten Leistungen im mündlichen Unterricht aufgefallen. Er zeigte viel Fleiss und damit ansprechende Leistungen.
Doch Pandu wirkte bedrückt. Irgendetwas war nicht in Ordnung mit ihm, und zeitweise fiel er zurück in seinem Verhalten in eine geradezu “unsichtbare” Form, Pandu wurde unsichtbar. Dann wurde es sehr still um ihn, und es kam mir vor, als ob er tagelang sämtliche Aktivitäten im Unterricht einstellte.

Pandu fuhr mit angezogener Handbremse, das war zu merken. Er hatte gute Anlagen und zeigte sich immer wieder deutlich am Leben interessiert. Ich nutzte einmal die Gelegenheit, in einer Förder- Stunde Pandu zu einem Lesetraining einzuladen. Ich schlug ihm vor, er liest mir aus seinem Lieblingsbuch vor, damit ich seine Leistungen besser einschätzen kann. Als seine Klassenlehrerin bin ich natürlich daran interessiert, was sein derzeitiger Leistungsstand ist und wie ich ihn weiter fördern kann.

Pandu stimmte dem zu und so saßen wir gemeinsam mit einem Lesebuch im Teilungsraum, damit ich seine Lesefähigkeit überprüfen konnte. Für ein besseres Kennenlernen und um den Kindern die bestmögliche Unterstützung im Lernprozess bieten zu können, frage ich sie stets nebenher, wie ihre familiäre Situation ist, um mir ein Bild machen zu können.
Zunächst wollte ich wissen, wie das Verhältnis zwischen Pandu und seinem Papa ist. “Ja, mein Vater lebt hier in Berlin mit uns zusammen.” Gut, dachte ich bei mir – dann ist dein Vater ja ganz in der Nähe. Pandu gab mir noch weiter Auskunft über das Zusammenleben mit seinem Vater, was sich jedoch zähflüssig gestaltete. Pandu war anzumerken, dass es ihm schwer fiel, das Familienleben zu beschreiben, da er mit seinem Vater kaum Kontakt zu haben schien.

Er berichtete… “mein Vater schläft viel..  er sucht gerade Arbeit… er hat einmal ein Restaurant geleitet und manchmal geht er einkaufen…”. Sonst gab es nichts zu berichten von seinem Vater – er unternahm auch mit den drei Geschwistern von Pandu nichts Nennenswertes, er hatte zu Pandu wohl kaum Kontakt.
Pandu würde so gern einmal mit ihm Fussball spielen! Wenigstens das würde er so gern einmal mit seinem Papa erleben, soviel war klar.

Als Pandu mir vorlas, bewies er eine gute Leseleistung, die seinem Ausbildungsstand angemessen war. Später sprach ich noch einmal mit ihm über diese Sache mit seinem Vater… Pandu sehnte sich nach Kontakt zu einem männlichen Erwachsenen, und wenn sein Papa unerreichbar schien für ihn im Moment (mir kam es so vor, als ob er sich in einer depressiven Phase befindet, die es ihm unmöglich macht, die väterliche Qualitäten seinem Sohn zukommen zu lassen, nach denen dieser sich sehnt), warum nicht – vorübergehend – nach jemand anderen Ausschau halten, der für einen begrenzten Zeitraum die Rolle seines Vaters übernehmen könnte? Warum nicht sich für einen Ersatzpapa interessieren, so lange sein Vater Abstand braucht zum Familienleben, um wieder zu neuen Kräften zu kommen? Ich fragte nach einem Onkel, einem Opa, einem Nachbarn, Freunden der Mutter….
“Ja, da ist ein Nachbar! Er heisst Clark und wohnt im 5. Stock über uns, er hilft mir ab und zu bei Mathe! Clark ist richtig nett!!” Oh wow, was für ein Glück für Pandu! Die Starre fiel etwas von ihm ab und nun lächelte er auch, ich sah Pandu das erste Mal nach unseren ersten gemeinsamen Wochen lächeln. Er erzählte mir von diesem netten Nachbarn und nun machte ich ihm Mut. Ich sprach Pandu Mut zu. Schließlich war von Pandu zu hören: “Heute nachmittag gehe ich zu ihm und frage ihn, ob er mit mir Mathe macht! Das Rechnen mit ihm macht richtig Spass. Ich glaube, er hat heute Zeit.” OH WOW!

Ich schlug vor, er könnte sich ja auch einmal am Wochenende mit Clark verabreden, warum nicht? Eventuell könnte er eine Zeit lang mit Clark um die Häuser ziehen; oder er könnte ihn fragen, ob sie mal ins Kino gehen, zusammen Fussball spielen, auf den Spielplatz zusammen gehen…
Jetzt leuchteten Pandus Augen.
“Vielleicht geht Clark mit mir mal in den Zoo!?” Jetzt kehrte das Leben in Pandu zurück. Clark würde das sicher gefallen, mit so einem netten Kerl wie Pandu um die Häuser zu ziehen, schließlich ist Pandu so ein prima Kerl!

Und dann kam noch von ihm… “Und wenn wir am Montag im Morgenkreis vom Wochenende erzählen, kann ich ja anschließend etwas von Clark und mir in mein Tagebuch malen oder von ihm im Sitzkreis erzählen.” Pandu wirkte begeistert. Jetzt konnte es losgehen, Pandu schöpfte wieder Hoffnung, Hoffnung auf mehr Kontakt zu (s)einem Papa oder einem (Ersatz-) Papa. Schließlich hat es das schon öfter gegeben, dass nicht der leibliche Vater diese Rolle erfüllt.
Pandu schien innerlich zu wachsen. Für einen Moment richtete er sich innerlich auf, soviel war ihm anzumerken. Pandu wirkte erleichtert. Ich hatte ihm erklärt, dass es manchmal so sein kann, dass vielleicht der eigene Vater nicht weiss, wie es weiter gehen kann, ohne Arbeit.. um seine Familie zu versorgen. Zwar geht seine Frau arbeiten, doch möchte der Vater sicher auch etwas zum Unterhalt der Familie beitragen. Wenn das momentan nicht klappt, vielleicht ist es schon morgen so weit? Wer weiss?

Bis dahin steht es Pandu frei, andere Kontakte zu Menschen aufzunehmen, die ihn ein wenig darin unterstützen, in der Schule weiterzukommen oder Spaß in seiner Freizeit zu entwickeln, auch mit älteren Menschen –  das wäre doch eine tolle Sache!

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Wir machten noch eine gemeinsame Übung zur besseren Orientierung im Alphabet und dann verabschiedete sich Pandu, es war kurz vor Schulschluss.

Viel Glück!
Alles, alles Gute wünscht dir Mary Poppins at school.
Viel Spass  – … vor allem mit Clark aus dem 5. Stock!