An Pfingsten unternahm Mary Poppins at school einen herrlichen Fahrradausflug. Es ging quer durch den Berliner Grunewald – einen großen Forst – immer geradeaus ( sie liebt schnurstracke Wege, auf unbekannten Terrain sind ihr diese die liebsten), bis sie schließlich am Wannsee an der anderen Seite des Waldes herauskam. Sie fuhr unter dem sonnendurchfluteten Blätterdach eines Mischwaldes und genoß die Abwechslung, statt Joggingrunden oder Ausritte hoch zu Pferd nun mit dem Zweirad unterwegs zu sein. Dies erfüllte sie mit Vergnügen. Die Stille und das satte Grün im Wald hatten es ihr angetan, so fuhr sie beschwingt dahin.
Am Wasser angekommen, legte sie ein Päuschen ein; sie setzte sich auf eine Bank an einem leicht erhöht gelegenen Weg, der oberhalb des Seeufers entlang führte. Hier war sie bereits öfter spazieren, nun kam sie also mit dem Rad hierher. Mary Poppins at school genoß das Leben… Boote tummelten sich auf dem Wasser, Menschen wanderten umher – mmmhh… der Sommer hatte begonnen!    pexels-photo-28773

Als sie ihren Rückweg hinter sich gelassen und nur noch einige Meter zu fahren hatte, geschah etwas Unerwartetes.
Der Weg führte sanft bergauf, und Mary Poppins at school beugte sich beim Radeln ein wenig nach vorn, so kam sie besser voran. Hier ein paar Ausflüglern ausweichen, und dort langsamer fahren, weil Mama und Papa schwungvoll den Kinderwagen vor sich her schoben… hier in der Nähe des Parkplatzes war reichlich Betrieb.

Da vernahm sie ein leises Stimmchen von links, vom Waldrand, zart, und doch gut hörbar, welches ihren Namen rief (ich muss hinzufügen, Mary Poppins at school ist an der Schule, ihrem Arbeitsplatz, besser bekannt unter “Frau Armbrecht”):
“Hallo, Frau Armbrecht!”
Sie radelte gemächlich weiter, doch dann – – – – — –  war da nicht etwas?
Hatte da nicht jemand ihren Namen gerufen? Ganz leise, unmerklich, sommerlich? Sie war überrascht und sah herüber, zu der Stelle, von wo ihr Name erklang – dort, am Waldrand. Ups, während sie so vor sich hin strampelte, bemerkte sie dort einen Schüler von ihr! Es war Morten gewesen, der am Waldrand stand und mit einem Gegenstand hantierte ( eine Fresbee-Scheibe?), den er auf Kniehöhe in den Händen hielt.

Er hatte sich kurz gebückt und sah nun zu mir herüber, sein feines, zurückhaltendes Lächeln zeigend.
Morten! Ich war überrascht, hier am Waldeingang?!

Morten lachte unschlüssig zu mir herüber, schließlich war er mit seinem Spielzeug beschäftigt. Doch er hatte mich gesehen und gegrüßt!
Ich rief zurück:” Hallo, Morten!”
Der Waldweg war hier nicht so einfach zu befahren aufgrund seiner leichten Steigung und den zahlreichen Menschen, die nun zum Teufelssee strömten. Download (1)

Morten! Das war ungewöhnlich, diesen Jungen hier zu sehen! Die weiteren Meter auf dem Rad erinnerte ich mich, wie ich ihn kennengelernt hatte in meinen Musikstunden in einer der beiden 4. Klassen, in denen ich seit Beginn des Schuljahres Musikstunden gebe.

Morten gehörte anfangs noch zu den verschlossenen, ja, man kann sagen, ziemlich befangenen und kleinmütig wirkenden Schülern in dieser Klasse. Er war kaum in der Lage, eine halbwegs verständliche Antwort im Unterricht von sich zu geben, und er schien unter der fehlenden Anerkennung von seinen Mitschülern zu leiden. Morten war blond und schmal, kurzhaarig und verschüchtert, und ihm schienen jedes Mal die Hosen zu schlottern, sobald man von ihm eine Antwort erwartete, es also um ihn ging.
Morten wirkte ungelenk. Obendrein reagierte er bei Misserfolgen sehr, sehr empfindlich, er war ein, zwei Mal in Tränen ausgebrochen.

Morten hatte nach mir gerufen!
Dieser Junge hatte mich bemerkt, er machte sich bemerkbar, vom Waldesrand her. Das war einigermaßen ungewöhnlich. Ich stemmte mich – leicht bergan ging nun mein Weg – in die Pedale und dachte so bei mir: “Das war eine nette Geste von ihm! Wie er da stand, etwas unbeholfen, und doch ganz zufrieden mit sich und der Welt, er machte so einen netten Eindruck!”

Später ging mir durch den Sinn, dass Morten sich total verändert hatte.

Ich freute mich über alle Maßen mit ihm.
Er war ausgeglichen geworden und schien den Schrecken der ersten Wochen und Monate des Schuljahres (in seiner 4. Klasse fanden sich bis dahin unbekannte Kinder ein, da an unserer Schule die Schüler nur in den Klassen 1-3 per JÜL, dem jahrgangsübergreifenden Lernen, unterrichtet werden – beim Übergang in die 4.Klasse finden sich jeweils 1/3 der früheren JÜL Klassen zusammen, so dass Moritz mit 2/3 neuen Schülern zu einer neuen Klassengemeinschaft zusammenkam) überwunden zu haben. Doch mehr noch, Morten war zu einem gefestigt wirkenden, in sich ruhenden Schüler herangewachsen. Ich hatte in den vergangenen Wochen öfter eine Unterhaltung mit ihm aufgenommen. Sowohl während des Musikunterrichts als auch danach, Morten lernt nämlich gerade Geige spielen. Auch war er im Musikunterricht durch ein ausgezeichnetes Gehör, sein feines Empfinden von Musik und deren Rhythmen sowie einer hervorragenden Merkfähigkeit von Notenwerten und Rhythmen aufgefallen. Ich hatte Morten immer wieder vor der ganzen Klasse gelobt; dies schien ihn innerlich aufzurichten, und er konnte sich fortan auf meine loyale, wohlmeinende Einstellung ihm gegenüber verlassen.

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Morten hatte sich so verändert! Mir gefiel seine etwas unbeholfene Art, mit der er anfangs dem Unterricht folgte, damit wirkte er ziemlich eigen.
Mary Poppins at school mag alle Kinder, und manchmal fallen ihr Besonderheiten an diesen zauberhaften Wesen auf, die ihnen eine völlig eigene Individualität geben. Diese sind es, die Kinder eben ganz besonders machen können, Morten hatte sie mehrfach damit überrascht.
Nun ist so ein prima Schüler aus ihm geworden, was für ein beeindruckender Kerl! Sanft, weich und zartfühlend präsentiert er sich im Unterricht, von seinen Mitschülern akzeptiert und angenommen; auch lacht er plötzlich über sich selbst und seine von Zeit zu Zeit tollpatschige Art – so what! Mortens scheint sich zumindest wohl in seiner Haut zu fühlen, jetzt, wo er sich dem Zuspruch von Mary Poppins at school sicher sein kann, denn sie hat ihn aufrichtig in ihr Herz geschlossen!
Und, wer weiß – vielleicht wird eines Tages ein begnadeter Musiker aus ihm?

Ich wünsche dir viel, viel Freude am Musizieren und auf deinem weiteren Lebensweg, lieber Morten; möge er von Spaß und Erfolg begleitet sein!

Deine Mary Popppins at school <3

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