Berat (7) wurde von mir zu einem der Notenständer-Assistenten gewählt. Zusammen mit Aurelia (8) haben sie rasch eingeübt, wie der Notenständer vor der Musikstunde aufgebaut wird und hinterher wieder zusammengeklappt wird, um ihn im passenden Fach der Gitarrenhülle zu verstauen.

Letzte Woche sah ich den beiden zu, wie sie ganz in meiner Nähe den Notenständer zusammen aufbauten. Mir fiel auf, dass Berat – ein türkischer Junge – rot lackierte Fingernägel trug. Außerdem hatte er weiße, kurze Fußballhosen an (darunter schwarze Leggings), ein Fußballshirt und seine wunderschönen schwarzen Locken fielen ihm bis auf die Schultern…was für ein ungewöhnlicher Anblick!
Ich sprach ihn leise auf seine lackierten Fingernägel an, so, dass uns keiner hören konnte: “Huch, deine Nägel sind ja rot lackiert! Das sieht ja schick aus!”
“Ja, danke!” kam es von Berat zurück.
“Trägst du immer lackierte Nägel?” erkundigte ich mich.
“Hhm, ja.”
“O.k. – das ist aber ungewöhnlich für einen Jungen!”
“Ja, o.k.”
Berat ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Das gefiel mir. Er reagierte kurz angebunden auf ein, zwei weitere Fragen der neugierigen Mary Poppins at school ( “Was sagen denn deine Eltern dazu?”), dann begannen wir mit dem Musikunterricht.

Eine Woche später sah ich erneut Berat mit seinen rot lackierten Fingernägeln , wie er mit Aurelia zusammen den Notenständer aufstellte. “Oh, deine Nägel sind ja wieder so schön rot! Ich mag ja gern lackierte Fingernägel, meine male ich auch gern an.” Bevor ich noch mit der Klasse über diese -ungewöhnliche- Sache sprach, erkundigte ich mich bei Berat, ob es in Ordnung sei, dies zu tun. Er erwiderte: “Ja, ja.”

Diesmal sprach ich die Klasse an, um zu erfahren, wie sie über einen fußballspielenden Jungen denken, der seine Fingernägel rot lackiert. Mary Poppins at school ist ja ein neugieriges Wesen, deshalb sprach sie mit der Klasse über fußballspielende Jungen, die ihre Fingernägel rot lackieren, um zu erfahren, wie die Kinder darüber denken.

Sie bestätigten mir gleich dutzendfach, das sie das „ o.k.“ finden. Auch als ich meinte, dass Berat sich damit ja an keine Regeln halten würde („das machen nur Mädchen, ein Junge tut so etwas nicht“) stimmten sie mir zu und Yaiza (8), die Freundin von Aurelia, fügte hinzu: „Das finde ich gerade prima von Berat, dass er sich die Fingernägel lackiert, obwohl das Jungen nicht machen. Er tut einfach, was ihm gefällt! Das ist mutig.”

Damit war das Thema „Rote Fingernägel von Berat“ auch abgeschlossen und wir setzten fort mit einer fröhlichen, bewegungsreichen Musikstunde.
Ich erzähle nur deshalb so ausführlich von Berats roten Fingernägeln, weil dieser Junge anfangs zu den schwierigsten Kindern in der Klasse gehörte. Er hat seitdem eine beispiellose Transformation durchlaufen, von der ich hier erzählen möchte.

Als ich mit Musik letzten Spätsommer in dieser Klasse startete, war Berat nach kurzer Zeit ein Schüler voller Widerstand. Er antwortete mir mehrfach patzig und ungehalten, das zog sich über zwei Monate hinweg. Ich hörte von den anderen Fachlehrern dieser Klasse ebenfalls nichts Gutes über ihn. Seine Mitschüler schienen sich gegenseitig zu übertrumpfen, wenn sie von seinen Missetaten in den anderen Schulstunden (und auf dem Hof während der Hofpausen erst…!) erzählten. Ich winkte ab. Das wollte ich gar nicht erst hören in Einzelheiten, ich spürte, da gibt es etwas zu tun, und zwar rasch. Ein, zwei Mal war die Situation eskaliert um Berat (er hatte ausgesprochene Wutanfälle, während der er völlig unbeherrscht und aggressiv um sich schlug oder boxte und so manch unbeteiligtes Kind traf, welches sich gerade in seiner Nähe aufhielt) und ich fühlte mich gedrängt, ein besonderes Auge auf Berat während meines Musikunterrichts zu werfen. Ich beschloss, es mit der elegantesten Variante von Konfliktlösungen zu versuchen, die mein Handgepäck bereit hält (in dem ich nach all den Jahren allerhand Möglichkeiten verstaut habe, Konflikte mit Schülern möglichst friedvoll zu bereinigen).

So setzte ich auf “Betrachte Berat in seinem ganzen Wohlergehen, sieh ihn als göttliches Wesen in seiner besten Version”.
Mit seinen lustigen braunen Locken mochte ihn trotz (oder wegen?) seines Widerstandes ausgesprochen gern und setzte meine Ansprache bei ihm klar und auch sehr bestimmt fort, wenn es nötig war. Berat und ich trugen noch ein oder zwei Konflikte miteinander aus, so dass er erfuhr, Mary Poppins at school nimmt ihn ernst, doch sie lädt ihn immer wieder dazu ein, im Rahmen dieser fidelen Klassengemeinschaft aktiv am Musikunterricht teilzuhaben.

Berat reagierte überrascht. Wenige Male scherte er noch aus, um sich seiner Wut zu entledigen, dann begann er, den roten Faden, den ich ihm zugeworfen hatte, aufzunehmen.
Als es um die Wahl der Notenständer Assistenten ging, entschied ich mich für Berat und Aurelia. Inzwischen hatte sich die Lage etwas beruhigt und ich nahm bewusst ihn für dieses Amt, weil ich das Gefühl hatte, Berat braucht dringend eine Aufgabe… Zuwendung und Aufmerksamkeit…der positiven Art. In  der Klasse brodelte es noch immer, nicht während meines Musikunterrichts sondern in den Stunden bei ihrer Klassenlehrerin. Plötzlich war es so weit, man rief zur Klassenkonferenz. So saßen wir beieinander, der Schulleiter und vier Kollegen, die in der Klasse unterrichteten. Berat war das Thema, sein Verhalten hatte die anderen sehr aufgebracht und wir berieten über ein weiteres Vorgehen. Ich saß da, still, den Erzählungen nicht allzu viel Aufmerksamkeit schenkend, Berat und ich, wir hatten zu einem probablen Umgang gefunden, vor allem, weil die Sache mit dem Assistenten gut lief mit ihm.

Was für ein Glück!!

Wer Klassenkonferenzen kennt, weiss, dass hier äußerst unangenehme Entscheidungen für Schüler getroffen werden können, welche eine Umsetzung in eine andere Klasse…das Aussetzen des Schulbesuchs für drei Tage…oder gar einen Schulverweis bedeuten kann.

Jeder Kollege wurde also angehört und gemeinsam beratschlagten wir über Berat, wie es weiter gehen sollte mit ihm. Als die Reihe an mir war, mochte ich die Reihe der Klagen über ihn nicht fortsetzen.
Zum Erstaunen meines Schulleiters erzählte ich nun, dass Berat in meinem Musik-unterricht seit Kurzem ein völlig neues Verhalten zeigen würde. Er hätte sich wohl besonnen auf eine Verhaltensänderung, doch fielen mir besonders seine Äußerungen anderen gegenüber auf, für die er sich nun mit Entschlossenheit einsetzen würde. So hatte ich mehrfach beobachtet, wie Berat (als Zweitklässler) in dieser Gruppe sich für die Kleinen (die Erstklässler) eingesetzt hatte! Er kümmerte sich liebevoll um sie, er half ihnen dabei, im Musikordner die richtige Seite mit dem richtigen Liedtext aufzuschlagen oder er half ihnen auf angenehme (unauffällige!) Weise dabei, wie sie rasch im Musikraum ihren vereinbarten Sitzplatz finden würden. Dies hatte ich beobachtet und ihn umgehend in der nächsten Lobrunde mit seiner Hilfsbereitschaft erwähnt, so dass alle davon erfuhren – Berat hatte sich zu einem fabelhaften Schüler gemausert!

Ich war sehr glücklich darüber.

Ich war glücklich darüber, dass es gelungen war, Berat (innerhalb kürzester Zeit!) in die Mitte dieser Klassengemeinschaft zurück zu befördern, das fühlte sich unsagbar gut an! Alle konnten beobachten, er ist doch ein liebevoller Kerl! Wahrscheinlich brauche ich kaum zu erwähnen, dass er von nun an zu einem heroischen Beispiel für so manch anderen Jungen in der Klasse wurde, die alsbald begannen, ihm nachzueifern. (Berat machte seine Sache jetzt so gut!)

Während der Klassenkonferenz erzählte ich also, dass er bei mir inzwischen sogar Empathie seinen Mitschülern gegenüber zeigen würde und damit ein auffallend soziales Verhalten, da er sichtlich bemüht wäre, anderen Kindern dabei zu helfen, sich im Musikunterricht besser zurecht zu finden.

Meinem Schulleiter gefiel das so gar nicht. Es erfolgte noch eine Abstimmung, in der erwartet wurde, dass hier einstimmig entschieden würde, und ich war die einzige, die mit „nein“ stimmte. Wir gingen auseinander, wobei der Sportlehrer der Klasse noch einmal auf mich zukam und sich nach den näheren Umständen meines Votums erkundigte. Danach stimmte auch er mir zu und er wirkte deutlich milder mit seiner Zustimmung als die anderen, über Berat sehr aufgebrachten, Kollegen. –

Ja, seine roten Fingernägel…

Ab und an ist in der Musikstunde auch der in der Klasse tätige Erzieher anwesend, um ggf. Hilfestellung zu geben.

Ich fragte Ayaz eines Tages beiläufig, ob es gängig wäre, dass Eltern eines türkischen Jungen die rot lackierten Fingernägel ihres Sohnes so leichthin akzeptieren, in unserer Kultur wäre das eher ungewöhnlich?  Ayaz meinte, dass das alles ganz normal wäre, das wäre kein Problem. Als ich jedoch davon sprach, wie erleichtert ich wäre, dass Berat in meinem Musikunterricht –nach allem, was vorgefallen war- zu einem unserer besten Schüler avancierte ( ich sprach noch nicht einmal das Wort `Vorzeigeschüler` aus, obwohl es mir auf der Zunge lag!), verdüsterte sich seine Mine.

Ayaz konnte dem gar nicht folgen. Er setzte erneut an, über Berat zu klagen und ihn zu verurteilen für sein Verhalten vor Wochen und vor Monaten.

Da ich nicht viel Zeit hatte, schloß ich das Ganze mit einem kurzen „Hm“ , nahm meine Sachen und ging.

Wie lange wollen wir uns immer noch mit dem Negativen beschäftigen, wie lange soll es in unserem Gedächtnis aufbewahrt werden? Bis der andere fällt, er wirklich auf die Nase fällt, mit allen unangenehmen Konsequenzen, die das für ihn hat? Wollen wir tatsächlich Kinder büßen sehen?

Nein, das kann nicht unser Weg sein.

Meine Erfahrung in dieser Sache ( deshalb finde ich die Angelegenheit mit Berat auch so wertvoll, ich finde sie unendlich wertvoll) zeigt auf, dass es immer wieder die winzigen Momente sind, die einen Wandel schaffen.

Momente, in denen wir uns für das Gute entscheiden, für den Frieden, für ein „Ich will glücklich sein!“ Ich hatte beobachtet, welch weitreichende Wirkung dieser eine Satz hat, wenn ich am Morgen mit ihm in den Tag startete. Mich einzustimmen auf einen fröhlichen Tag mit glücklichen Menschen und begückenden Erlebnissen scheint mir tausendfach erstrebenswerter als den Groll von gestern, vorgestern, …. erneut mit in meinen Tag zu schleppen, um danach ebensolchen, mit Missmut und Ärger aufgeladenen Menschen zu begegnen.

Immer häufiger kann ich in meinem Leben beobachten, wie viele Geschenke mir seitdem offeriert werden, wie viele Geschenke ich entgegen nehmen kann, seitdem ich mich bewusst dafür entscheide, ein Leben voller Spaß und Freude und Liebe zu führen.
Nur dann bieten wir die Unterstützung und sind die Cheerleader für unsere Kinder…besonders dann, wenn sie uns am dringendsten brauchen!
Ich habe mir von niemand hereinreden lassen, als es um den Kontakt zu Berat ging und wie ich Berat zu betrachten hätte. Ich habe mich leiten lassen von meinem inneren Navi, einem Navi mit dem Label “Gute Gefühle”, denn es gibt ein Leitsystem in jedem von uns, das uns inne wohnt und uns beständig zu unseren guten Gefühlen lotst. Von diesem habe ich mich führen lassen… über hügeliges Terrain… und durch manches Schlagloch hindurch…und es hat mich exakt dahin gebracht, wo ich Berat heute mit Stolz und Freude und Liebe begegnen kann.

Ja, ich freue mich tatsächlich auf jede Musikstunde mit ihm!

Dadurch, dass ich von Berat ein Bild aufrecht erhielt, das ihn in seinem ganzen Wohlsein zeigt, hat er einen großen Shift machen können, mit dem niemand rechnete. Berat fand mit einem Mal Anschluß an Yaiza und Aurelia- die Klassenältesten, größten, besten und zuverlässigsten Schülerinnen in der ganzen Klasse!! Mit ihnen fühlt er sich verbunden, in ihnen hat er Freundinnen gefunden, auf die er wirklich zählen kann und die zu ihm halten.
Wenn Aurelia beschreibt, wie es mit Berat als Notenständer- Assistent an ihrer Seite gelaufen ist, hört sich das in etwa so an: “Berat ist ein guter Notenständer-Assistent- Partner! Er hilft mir immer, ist nett und ich freue mich schon auf das nächste Mal!”

Das Schöne ist, jeder von uns kann so etwas tun.
Jeder kann Kindern in einer schwierigen Phase ihres Lebens Unterstützung geben, wo alles aus dem Ruder zu laufen scheint, wo alles andere versagt. Wir sind anderen keine Hilfe, solange wir selber Unsicherheit verspüren, Angst, Wut oder Scham. Wie zu einem Muskeltraining nimmt man (in den ruhigen Zeiten!) all die schönen Erlebnisse seines (eigenen) Lebens herbei und formt diese zu einer Endlos-Schleife im Inneren. Der letzte lustige Kinobesuch, die herzliche Umarmung eines lieben Menschen und vieles mehr, mantraartig vor sich her geflüstert, bebildert, gesagt. Das eigene Wohlgefühl zu stärken wie einen Muskel, darin liegt der ganze Zauber. Immer und immer wieder.
Ich übe mich immer wieder darin- und es funktioniert! Natürlich braucht es Übung, und man darf sich nicht entmutigen lassen, wenn zwischendrin der übellaunige Nachbar oder die beängstigende Diagnose des letzten Arztbesuch dazwischen huscht. Dranbleiben und üben, damit fülle ich meinen Tag und ich liebe es, solch überragende Ergebnisse (nicht nur in meinem Beruf, sie ziehen sich inzwischen durch mein komplettes Leben) zu erzielen, die mir aufzeigen –  prima, weiter so!

Wer möchte, fängt heute damit an, rufen Sie sich ausnehmend Schönes in Erinnerung und baden Sie in den angenehmen Gefühlen, die diese hübschen Bilder begleiten. Sie werden merken, wie Ihr Wohlgefühl sich verbessert und sich Ihre Stimmung aufhellt. Beobachten Sie sich und Ihr Leben, während Sie das einige Tage tun, halten Sie Ausschau nach positiven Veränderungen, sie machen sich bemerkbar!

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg!

Cookie-Präferenz

Bitte wählen Sie eine Option. Mehr Informationen zu den Folgen Ihrer Wahl finden Sie unterHilfe.

Wählen Sie eine Option, um fortzufahren.

Ihre Auswahl wurde gespeichert!

Hilfe

Hilfe

Um fortzufahren, müssen Sie eine Cookie-Auswahl treffen. Im Folgenden finden Sie eine Erklärung der verschiedenen Optionen und ihrer Bedeutung.

  • Alle Cookies akzeptieren:
    Alle Cookies, auch Tracking- und Analyse-Cookies.
  • Nur Cookies von dieser Webseite:
    Ausschließlich Cookies von dieser Webseite.
  • Keine Cookies zulassen:
    Es werden keine Cookies gesetzt, außer die aus technischen Gründen notwendigen Cookies.

Sie können Ihre Cookie-Einstellungen jederzeit ändern: Datenschutzerklärung. Impressum

zurück

This website stores cookies on your computer. These cookies are used to provide a more personalized experience and to track your whereabouts around our website in compliance with the European General Data Protection Regulation. If you decide to to opt-out of any future tracking, a cookie will be setup in your browser to remember this choice for one year.

Accept or Deny