Mary Poppins at school statt Mary Poppins at home

 

Donnerstags hat Mary Poppins at school schon nach der 5. Stunde Schluss. Manchmal bekommt sie eine Vertretungsstunde herein, die auf die 6. Stunde fällt. Diese Vertretungsstunde wird dann als „Mehrarbeit“ ausgewiesen und sie macht sich auf den Weg in die ihr zugewiesene Klasse.
Eigentlich wäre Mary Poppins at school an diesem Donnerstag nach der 5. Stunde lieber Mary Poppins at home gewesen, doch dann wurde aus der Vertretungsstunde glatt eine Stunde, deren Ergebnis sich sehen lassen konnte!

Als Mary Poppins at school den Klassenraum betritt, herrscht hier ein ordentlicher Geräuschpegel.
Sie bemerkt, dass sie einen solchen Lärm in der Schule gar nicht mehr gewohnt ist. 5. Klasse, gefühlte 28 Schüler, kleiner Raum. Alle sitzen dicht an dicht in 2- er Reihen hintereinander.
Rasch scannt sie die Szenerie ein.
Ok, dann kann es ja losgehen! Sie fragt nach dem Klassensprecher, woraufhin dieser sich aus dem Pulk Schüler in der Mitte des Raumes löst und zu ihr nach vorne spaziert. Er genießt seinen Auftritt sichtlich.
Hm. Okay, ich beginne mit: „Hallo, ich bin Frau Armbrecht, wie heisst du?“ Er antwortete mit: „Ich heisse Ronaldo,“ und ich setzte fort mit: „Wir haben jetzt eine Vertretungsstunde zusammen. Ich mache das immer so, dass mir der Klassensprecher sagt, welche Aufgaben wir zusammen erarbeiten können – was steht denn so auf dem Programm bei euch?“ „Öhm, spielen, wir könnten spielen.“
„Aha, und gibt es auch etwas zu arbeiten bei euch?
Habt ihr schriftliche Aufgaben zu erarbeiten?
Lass uns drei Themen finden und du machst der Klasse dann gleich eine Ansage!“

Ronaldo fand das ganz gut, er stimmte mir zu.
Plötzlich mischte sich der Schüler in der 1.Reihe ein und half dem Klassensprecher nun noch etwas auf die Sprünge…“Ja! Mathe! Nächste Woche schreiben wir eine Mathearbeit, wir könnten die vorbereiten!“ Ein Thema, das reicht oft nicht. Ich wollte den Schülern ein Repertoire anbieten, aus dem sie auswählen können, um ihr Lieblingsthema dabei herauszufischen. Erfahrungsgemäß läuft so etwas gut, jeder will – in einem von mir vorgegebenen Rahmen – selber bestimmen, was er jetzt macht.

Gut, der Klassensprecher fuhr fort… „Und Englisch, ein Test! Nächste Woche schreiben wir in Englisch einen Test!“ „Ja!“ stimmte ich zu, „Das machen wir! Und was noch? Ein drittes Thema?“ Beide ergänzten mit: „Oh, ja, und Spanisch auch, wir könnten für den Test nächste Woche lernen!“

„So, Ronaldo, nun sag du doch bitte deinen Mitschülern an, was wir machen.“

„ Wir können jetzt in … und in … und in …. arbeiten, jeder sucht sich eine Aufgabe heraus!“
Ronaldo grinste. Er war ja ein charmanter Kerl, und langsam begriff er, dass er seinen Job hier ganz ordentlich macht. Ich fügte noch hinzu: „Wer noch eine Frage hat, kann die jetzt stellen, insgesamt nur drei Fragen, bitte.“ Ich erinnerte mich plötzlich an Stunden dieser Art, in denen die Schüler nicht aufhörten zu fragen… und sich einen Spaß daraus machten, die Fragerunde entsprechend auszudehnen bis zum St. Nimmerleinstag. Um dem also keinen Vorschub zu leisten, grenzte ich die Anzahl der Fragen ein –  in der Regel sind mit drei Fragen die Wichtigsten auch geklärt.

Nachdem sich dies erneut bestätigt hatte, begannen alle mit ihren Prüfungsvorbereitungen.

Schwuppdiwupp, noch ein, zwei Hinweise von mir, und die Sache war am Laufen. Ich lege mir nicht in jeder V-Stunde einen Sitzplan an, um die Namen der Schüler zu erfahren, manchmal geht es auch ohne, ich höre auf meine Intuition hierbei. Ich verkündete den Schülern lediglich, dass ich mir einzelne Schüler und ihre Arbeiten noch näher ansehen werde, „doch eigentlich interessieren mich nur die flotten und selbständig arbeitenden Schüler unter euch“. Dann wies ich darauf hin, dass ich mir den einen oder anderen Vermerk über eine Sitzreihe machen werde, „ich guck mir die an, die am leisesten arbeiten – leise und selbständig!“

Als sich alle die Arbeit ihrer Wahl hervorgenommen hatten, herrschte emsiges Üben! Viele übten in Partnerarbeit Englischvokabeln ein oder halfen sich gegenseitig bei ihren Aufgaben in Spanisch bzw. Englisch. Immer wieder machte ich Anmerkungen über eine der drei Reihen; ich hatte ja darauf hingewiesen, dass ich eine Mini-Liste führe, um der Klassenlehrerin ein angemessenes Feedback zu geben, welche der drei Reihen am besten gearbeitet habe.

Die Sache lief. Sie lief sogar gut. Erstaunlich gut! Ronaldo und ich waren ein gutes Team,

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er hatte sogar die (Strich-) Liste übernommen und machte nun ein paar Eintragungen, wenn ich ihn darauf aufmerksam machte, welche Reihe erneut vorzumerken wäre.

Kurz bevor die Stunde vorbei war, rief ich Ronaldo zu mir. Im Flüsterton sagte ich zu ihm: „Ronaldo, nach einer V-Stunde in anderen Klassen mache ich das manchmal so: Ich trage einen kurzen Vermerk in das Klassenbuch ein, der den Klassenlehrer darüber informiert, wie gut die Klasse gearbeitet hat. Ihr wart richtig gut in dieser Stunde. Was könnte man euch denn ins Klassenbuch schreiben?“ Ronaldo reagierte sofort: „Die Klasse hat super gearbeitet!“ „Gut, das ist ein toller Satz!“ Ich war wirklich angetan von Ronaldos Fähigkeit, mit mir zu kooperieren. Vergnügt schrieb ich diesen Satz – unter seinem prüfenden Blick – in das Klassenbuch, während ich ihn fragte: „Und – liest du deiner Klasse diesen Satz vor?“ „Ja!!“
Ronaldo hatte erneut seinen Auftritt und die Klasse hörte ihm sichtlich gespannt zu.

Alle waren erleichtert. Es wurde sogar geklatscht! In einer meiner Musikklassen wird übrigens regelmäßig geklatscht, und ich finde das eine sehr berührende Geste, die sich da unter den Schülern breit macht.
Mary Poppins at school mag es, wenn Kinder sich selber loben, sich respektieren, ihre Achtung und Bewunderung füreinander ausdrücken und wenn sie eine fruchtbare Form gefunden haben, sich selbst und anderen ihre Freude und Begeisterung zu zeigen! Ich packte meine Sachen zusammen und wollte mich erheben, da vernahm ich plötzlich eine vergnügte Laudatio auf diese Stunde: „Hat Spaß gemacht mit dir!“ Ein Schüler hatte sich rasch zu mir umgedreht, um mir persönlich zu danken. Jetzt wollte man gar nicht wieder gehen!
Ich reagierte sofort: „Ah, danke!“ Und setzte hinzu: „Mit euch hat es mir auch gut gefallen!“

Das schöne Vertretungsstündchen hätte nun wirklich vorbei gewesen sein können, doch da war noch ein Knabe, der nun begeistert den anderen Schülern zurief: „So eine Lehrerin bräuchten wir auch hier bei uns!“
Uups, mit so viel Lob hatte ich gar nicht gerechnet. Ich erwiderte: „Och, vielleicht kommt die ja bald zu euch? Macht einfach weiter so!“

„Dann kommt man doch gerne zu euch!“

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