Während ich meine Sachen zusammenpacke im Lehrerzimmer, um mich auf den Weg zu der 6k zu machen, hole ich mir noch die Zustimmung der Klassenlehrerin…“in der 3. Stunde bin ich in deiner Klasse zur Vertretung eingeteilt, da kann man doch mit ihr auf den Hof gehen?” (bei schönstem Sonnenschein und 25 Grad um 10.30 Uhr am Vormittag) und sie meint knapp: “Hm, ja, das geht.”

In der 6k hatte Mary Poppins at school schon ein paar ungemütliche Vertretungsstunden verbracht. Hier herrschte häufig Zwiespalt und Unzufriedenheit unter den Schülern, also Unruhe, große Unruhe.34295358620_d49c193ac1_n.jpg

Bisher hatte ich immer AB zum schriftlichen Ausarbeiten mitgebracht und nach der mündlichen Phase erledigten sie auch das Schreiben unter mittleren Getöse, welches zu Beginn der Stunde noch mächtig gewesen war.

Ich war seit sechs Wochen nicht mehr in dieser Klasse eingesetzt worden, und Mary Poppins at school ist den ganzen Krach. den eine Klasse machen kann, gar nicht mehr gewohnt… Also dachte sie darüber nach, mit der Klasse – bei den Temperaturen! – auf den Hof zu gehen, um ein wenig zu chillen.

Ich kam also in das Klassenzimmer…
und während um mich herum lautstark randaliert wurde, geklappert oder anderweitig gelärmt, kam eine freundliche Schülerin zu mir, die sich erkundigte: “Frau Armbrecht, wir haben eben begonnen, einen Film zu sehen, können wir den zuende sehen?
Er heißt “Kinder des Lichts”.

Was für ein ausgefallener Filmtitel.
Was für ein Titel…

Oh, wow. Kinder des Lichts, hier war eine Message unterwegs.

Der Titel klang wie eine Durchsage – von oben.

Ich verstand.
Nimm diese Kinder bei der Hand und … geh` hinaus, hinaus an das Licht, hieß es in mir.

Währenddessen sah mir die Schülerin fest in die Augen. “Können wir den Film zuende sehen?” Ich konnte sie verstehen mit ihrem Wunsch; sie erzählte mir, dass mein Kollege Manuel in der Stunde zuvor am Smartboard ihnen den Film gezeigt hätte, und die Zeit hatte nicht gereicht, ihn zuende zu sehen.34295358620_d49c193ac1_n.jpg

Sie erwähnte ein Mädchen…andere Kinder… Sie alle machten sich auf, um ihr Dorf, das vom Krieg bedroht war, zu verlassen und Sicherheit in der Fremde zu suchen. Eigentlich setzt Mary Poppins at school sich gern dazu, wenn sie darum gebeten wird, einen Film zuende zu sehen, nichts leichter als das! Doch diesmal… ich entschied mich, mit der Klasse hinunter auf den Hof zu gehen. Etwas in mir hatte entschieden: “Geh` hinunter auf den Hof!”
Wir machten uns auf – für die Klasse kein Problem. Kein einziges “Buuuh!” oder “Nein! Ich will nicht auf den Hof!” war zu hören. Wären sie so sehr daran interessiert gewesen, den Film zuende zu sehen – ich hatte schon ganz andere (Protest-)Reaktionen einer Klasse in ähnlichen Situationen vernommen.

34295358620_d49c193ac1_n.jpgIch schildere hier jetzt nur kurz, was sich auf dem Hof ereignete, im Wesentlichen nichts Bemerkenswertes, doch fiel Mary Poppins at school mit ihrem Spürsinn für die Freude im Leben etwas auf, was sie erneut erfreute. Noch mehr erfreute sie, dass es auch diesmal hieß: Je besser es wird, umso besser wird es!
Bis auf drei, vier Schüler (diese spazierten über den Hof oder ließen sich auf einer unserer hübschen Bänke in der Sonne nieder um sich gemütlich auszustrecken) war der Rest der Klasse verschwunden – im Dunkel unter unserer Sporthalle. Diese Fläche ( so groß wie eine Sporthalle, nämlich die oben drüber) ist genial angelegt für die Kinder – wenn es regnet! Hier finden sie ausreichend Bewegungsfläche bei einer Regenpause, und sie sind froh, hier unten Spiel und Spaß zu finden, während es regnet.34295358620_d49c193ac1_n.jpg
Da der Boden der Turnhalle oben drüber nicht allzu hoch ist, also das Dach der Fläche nicht sehr hoch angelegt ist, und die Fläche nur nach zwei Seiten (zum Hof hin) offen ist, ist dies (auch noch bei diesem herrlichen Sonnenschein, den wir hatten!) die dunkelste Ecke des ganzen Schulhofs. Hierhin hatte es die Klasse geführt, hier hielten sich die Schüler die ganze Zeit auf. Ich saß etwas entfernt von ihnen eher in der Mitte des Hofes und hörte sie dort lachen und rufen und herumtollen, ich konnte jedoch nicht sehen, was sie dort machten. Ich ließ sie gewähren und dachte mir, so lange sie Spaß haben… Später fragte ich eine Schülerin, die über den Hof gelaufen kam, was die Kinder dort eigentlich machen würden?  Sie meinte: “Ach, sie spielen mit Bällen, die sie dort gefunden haben.”

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O.k.
Ich habe noch nie Schüler erlebt, die bei hellem Sonnenschein sich in das Dunkel unter einer Turnhalle zurückziehen, um dort zu spielen.

Ich musste an den Titel des Filmes denken.

Während ich mich weiter damit beschäftigte, wo ich meine Sommerferien verbringen könnte und mir die schönsten Urlaubsziele ausmalte, sah ich, wie mit einem Mal alle Schüler sich in meiner Nähe versammelten. Sie hatten sich auf einem Mäuerchen gegenüber, unweit des Spielplatzes unter den wunderschönen alten, großen Bäumen niedergelassen und erzählten sich ein paar Jokes.
Die Stunde war fast vorüber.

Ich dachte an die Bitte des Mädchens, die den Film so gerne zuende sehen wollte, und mit ihr wohl auch ein paar andere…

Intuitiv hatte ich mich rasch erkundigt, um was es geht und als sie von “Flucht…” und “Krieg…” sprach (ich hatte mich nach den Bildern erkundigt, und es hieß “Bomben” usf.) , wusste ich, dass ich mir diesen Film nicht ansehen werde. Lieber auf den Hof, lieber dort hin, wo es hell ist und das Licht uns umfängt…

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