JÜL in Klasse 1-3 („Jahrgangsübergreifendes Lernen“), wie es in einem Teil der Europaschule praktiziert wird, hat auch den Nutzen, dass Kooperation und Engagement für die Gemeinschaft entsteht.
In den von mir geleiteten Unterrichtsstunden geschieht dies auf mehreren Wegen:
– Übernahme von Lehrfunktionen durch Schülerinnen und Schüler in entsprechenden
Settings
– kooperatives Lernen in Gruppenarbeiten mit speziell dafür geeigneten Aufgaben und
– individuelles Arbeiten anhand von Selbstlernheften.
Hier entsteht nun eine neue Kultur des Lernens, in der gegenseitiges Helfen, kooperatives Lernen in heterogenen Gruppen und individualisiertes Arbeiten auch mit anspruchsvollen Aufgaben gelingt und in der das alles mit einer gewissen Leichtigkeit zusammenspielt. Dies beobachte ich nun seit Wochen bei den Kindern in meiner Klasse, die eine überaus freudige Entwicklung nehmen.
In einem kürzlich erschienenen Interview der ZEIT vom 26.10.2017 (erschienen in dem Artikel WIR STATT GIER in der Rubrik Wirtschaft) äußert sich der französische Buddhist Matthieu Ricard (promovierter Biologe, buddhistischer Mönch, Übersetzer des Dalai Lama, Bestseller-Autor) im Rahmen der These, dass mehr Altruismus die Welt retten kann, positiv auf die Frage, ob der Anteil altruistischen Verhaltens auf diesem Planeten gerade wächst oder schrumpft. So klärt er auf: „Wir unterschätzen den Anteil des Guten. (…) Auch die Gewalt geht weltweit gesehen zurück, das ist ein starkes Zeichen.(…)“

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JÜL in unserer Klasse praktiziert, lässt Auseinandersetzungen unter Schülern vollständig vermissen. (Einmal in den ersten sechs Wochen hatte ein Drittie auf dem Schulhof ein Mädchen der Ersties in den Sand niedergestoßen, weil ihm wohl nach Raufen zumute war; wir sprachen später in der Klasse darüber, dass die Dritties sich zu solch einem Kampf besser Gleichaltrige suchen, um die Angemessenheit des Kräftemessens zu wahren.)

Unser Fokus liegt von Anbeginn an auf dem achtsamen Umgang miteinander. Wir pflegen einen Umgang miteinander, der Zusammenarbeit und das Wohl der Gemeinschaft entschieden fördert. Es ist uns allen eine wahre Freude, dies zu beobachten! Die Kinder pflegen einen freundlichen und anerkennenden Umgang miteinander, was die Lernatmosphäre entspannt und gelöst wirken lässt. Dies hat zur Folge, dass sich nun auch die schüchternsten Schüler zu Wort melden (!), um am Unterrichstgespräch teilzuhaben, denn sie bekommen ausreichend Lob und Anerkennung von ihren Mitschülern für ihre Bemühungen.
Kein Wunder…. wenn Kinder bereits einzelne Abschnitte des U – Gesprächs ( wie z.B. unser tägliches Morgenritual) weitgehend alleine, also ohne mein Mitwirken, gestalten können… So finden wir zu einer Unterrichtsform, die Kindern vermittelt, wie hilfreich Gespräche unter (beinahe) Gleichaltrigen sein können und aus denen sich jeder Erwachsene heraushält ( der sie bis dahin stets mal besser, mal schlechter, bewertete oder gar ihnen Antworten gab, die so gar nicht auf ihrer Wellenlänge waren…). Bereits zum Auftakt unseres Schulalltages erleben wir auf diese Weise starke Schüler, die einfühlsam, liebevoll und beschwingt durch das Morgenritual führen – und es nicht erwarten können, dies am nächsten Tag erneut durchzuführen.

Zu Beginn des oben genannten Artikels findet Deutschlands führende Hirnforscherin Tania Singer (Direktorin für Soziale Neurowissenschaft am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig) ermutigende Worte für die Ergebnisse ihrer Forschungsreise ins „soziale Gehirn“, die sie nun gemeinsam mit Matthieu Ricard in dem Buch „Mitgefühl in der Wirtschaft: Ein bahnbrechender Forschungsbericht“ veröffentlicht hat.

Die Ergebnisse ihrer Forschung beziehen sich auf die Erkenntnis, dass Gefühle sich im Hirn abbilden, ebenso wie Sprache, Denken oder Wahrnehmung. Genauso wie wir Oberarmmuskeln trainieren können, können wir – etwa durch Meditation – auch das Gehirn in Form bringen, heisst es bei ihr. Dadurch ist es dem Menschen leichter möglich, aufmerksamer zu werden und sein Herz zu öffnen und – „Qualitäten wie Mitgefühl auf der Welt zu stärken.“
Weiterhin heisst es bei ihr: „Wenn die Menschen von klein auf das Mitgefühl kultivieren (…), dann entsteht eine neue Gegenbewegung hin zu neuer Solidarität.“ Unser JÜL Unterricht spricht hier Bände! Wie sagte ein Vater kürzlich so schön auf unserem ersten Elternabend: „Mein Sohn ist jetzt in der 3.Klasse, nun kann er all das zurückgeben, was er als Erstie an Hilfe und Unterstützung von den Größeren bekommen hat!“ Die Schüler im Alter von sechs bis acht Jahren schwingen also hin und her zwischen Unterstützung geben und Unterstützung annehmen.
Zudem verweisen die neusten Ergebnisse auf dem Gebiet der Neurowissenschaften darauf, dass die Bewegung wächst, etwas für die Gemeinschaft zu tun. „In Deutschland engagieren sich laut Statistiken der Bundesregierung über 40 Prozent der Bürger ab vierzehn Jahren ehrenamtlich: trainieren Kinderteams im Fussball, teilen an der Armentafel Essen aus oder kämpfen bei Greenpeace fürs Klima. Zur Jahrtausendwende waren es noch gut 30 Prozent.“

Was für Veränderungen! Man stelle sich vor, dass JÜL – also das jahrgangsübergreifende Lernen –  Kindern immer mehr Gelegenheit bietet

  • sich beim Einüben dieses Schulprogramms mehr als zuvor um andere zu kümmern
  • mit anderen besser zusammen zu arbeiten
  • auf andere mit mehr Vertrauen zuzugehen.

 

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Dies alles macht Menschen nicht nur gesünder, sondern dieses Verhalten gilt heute mehr denn je als Kernkompetenz auf dem Arbeitsmarkt. Man nennt dieses Verhalten auch „prosozial“ – und wer prosozial ist, verdient im Schnitt deutlich mehr (heisst es weiter bei Tania Singer).

Mary Poppins at school freut sich schließlich sehr über die folgenden Worte: „Die Operation Mitgefühl ist zum gesellschaftlichen Projekt geworden. In ersten Grundschulen versucht man, bei Kindern das Mitfühlen und die Fähigkeit zur friedlichen Konfliktlösung zu stärken.“ Und weiter heisst es an anderer Stelle im Text: „Die Forscher empfehlen die Einrichtung innerbetrieblicher Netze (…) sowie Orte und Gelegenheiten für mehr Miteinander quer durch die Firma.“ Und was sich uns für ein Miteinander „quer durch die Firma“ bietet!
Die Fähigkeit, Güte und Mitgefühl zu entwickeln, in der Absicht, anderen zu helfen bereitet meinen Schülern schon jetzt viel Freude… die Schüler meiner Klasse sind von Anbeginn an damit vertraut, womit sie im Berufsleben später einmal punkten können, perfekt!!

 

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