Tadaaaa – wir haben einen neuen Musiklehrer – Haider!

Zum ersten Mal  nimmt ein Schüler Platz auf meinem Stuhl und gibt Unterricht in Musik – für 15 Minuten zu Stundenbeginn in unserer nächsten Musikstunde, mit meiner Assistenz, ganz im Hintergrund.

pexels-photo-28773

Haider als Teacher, he himself, his glory.

Zum ersten Mal trete ich meinen Stuhl ab, zum ersten Mal wird dieser besetzt von einem excellent vorbereiteten Schüler aus meinem Unterricht, zum ersten Mal.
Er agiert frei – frei, frei, frei, Haider improvisiert.

Haider wird frei sprechen und handeln, er wird Lobe vergeben, Haider wird die Bude rocken.

Ich liebe seinen Geist, seinen Einsatz, sein Engagement, ich liebe seine Überzeugungskraft. Ich liebe, wie entschlossen er ist, dies zu tun, das Singen und danach das Tanzen anzuleiten, das liebe ich sehr!

14830785917_554e7ab650_z

Tags darauf…
Haider war erfolgreich. Nach kurzer Vorstellung vor der Klasse von mir “Heute wird Haider euch durch die Musikstunde führen! Nein, neiin, nicht die ganze Stunde, doch er wird – nach Absprache mit mir, Haider hat sich für euch richtig gut vorbereitet – die ersten 15 Minuten unserer Musikstunde halten. Und jetzt – Bühne frei für Haider!”

Daraufhin trat Haider, ein 10-jähriger türkischer Junge mit dem sonderpädagogischen Förderbedarf, Förderschwerpunkt `Hören` (er trägt ein Hörgerät) vor die Klasse und erteilte seinen Mitschülern Unterricht  in Musik. Er begann mit einem Musikspiel (er hatte  “Berufe raten” gewählt), wobei er gekonnt die Schüler in Szene setzte, bis er das Spiel nach drei Runden beendete. Haider hatte durch sein sicheres Delegieren aller Schüler an den richtigen Platz während des Spiels Authentizität, Verlässlichkeit und Vertrauenswürdigkeit bewiesen.

Seinen Mitschülern imponierte das. Zwar galt Haider in der Gruppe schon immer als ein glaubwürdiger, zuverlässiger Schüler, doch hat sein Auftritt uns allen eine neue Seite von ihm gezeigt – den Mut.

pexels-photopexels-photopexels-photopexels-photo

Haider wuchs über sich selbst hinaus!

…nun noch ein Lied anstimmen – – – – und auch hier bewies Haider sicheres Auftreten in einer solch ungewohnten Position.

Haider hatte einfach Lust am Leiten, wow!

Zum Schluss noch ein Tänzchen (ich hatte ihm meine Gitarrenbegleitung angeboten, so dass er einen Tanz wählen konnte, der – ergänzend zum Gesang der Kinder – diese Art der Begleitung erfordert), Haider hatte “Ich bin der Baum vor deinem Haus” gewählt. Dies ist ein Lied, welches wir Wochen zuvor erfolgreich zum Musical geführt hatten. Hierfür lernen wir jedes Lied auswendig und setzen es mithilfe zahlreicher Schülervorschläge in Bewegung um, ein Rezept, nach dem Mary Poppins at school seit vielen Jahren ihre Musikküche unterhält.

Nun stimmte ich die Gitarre, und wir legten los. Vorher kamen noch zwei, drei Lobe von Haider für die Kinder, die sich paarweise oder in kleinen Gruppen im Klassenraum aufgestellt hatten (“leise, wie auf der Bühne!”), um nun zu ihrem Gesang dieses stimmungsvolle Baum-Lied zu singen – und zu tanzen!

Ich bin der Baum vor deinem Haus

1. Ich bin der Baum vor deinem Haus,
weit streck ich meine Zweige aus,
ich seh’ dich morgens früh aufstehn
und abends in die Federn gehn.

Refrain
Wenn du vorbei gehst, grüß mich mal,
wenn es trocken ist, gieß mich mal,
tu das mal für mich,
tu das mal für mich!

2. Ich kenne alle, die hier sind,
die Frau’n, die Männer, jedes Kind,
hör wie ihr weint, hör wie ihr lacht,
krieg mit, wenn ihr euch Sorgen macht!

3. Auch ich hab Sorgen nicht zu knapp –
man gräbt mir hier das Wasser ab,
kippt mit Beton den Boden voll,
sag mir, wie ich noch wachsen soll!

4. Du weißt, die Bäume weit und breit,
die haben eine schwere Zeit;
ich seh, auch dir geht’s nicht so gut,
mach es wie ich, behalt den Mut!

5. Du, sieh doch mal zum Fenster raus –
ich bin der Baum vor deinem Haus;
wenn du mich nicht alleine lässt,
halt ich mich an der Erde fest!

pexels-photo-164386

Haider hatte auch hier bewiesen… er war bestens vorbereitet und leitete die Klasse sicher durch unsere ersten 15 Minuten Musikunterricht. Die Kinder freute es, sich in ihrer Eigenständigkeit auszuprobieren und der Unterricht von einem Mitschüler war doch etwas ganz Neues – für uns alle!

Haider wirkte zufrieden.
Ich bewunderte seine Souveränität, er war wirklich sicher im Umgang mit den Schülern.

Hier noch ein Lob, da noch eines, und 15 Minuten waren um.

Doch nun war es Zeit für ein Lob an Haider! Er blieb noch auf seinem “Lehrer”-Stühlchen sitzen und nahm die Wertschätzung seiner Mitschüler aufmerksam zur Kenntnis. Ich hatte ihm vorgeschlagen, damit die Lobe in der anschließenden Lobrunde nicht ganz in der Luft hängen blieben (Kinder wissen in solchen Lobrunden gelegentlich nichts zu antworten, wenn sie gelobt werden, kein Wunder, wenn uns Erwachsenen das schon so schwer fällt, auch ohne Lobrunde!) könne er antworten mit “Danke!” oder “Vielen Dank!” und auch ein “Danke, das freut mich!” wäre hier angemessen. Man könne auch erwidern “Danke, das habe ich gern gemacht!”

Haider bekam viele Lobe. Wir befanden uns nun in so einer warmen, herzlichen Atmosphäre, dass dieser sicher zu einer der glücklichsten Momente zählte, den die Klassengemeinschaft für sich verbuchen konnte.

Haider, du hast es möglich gemacht, deine Idee war kolossal!  Schließlich bist du es gewesen, der auf mich zukam, nachdem ich im Scherz(!) einmal in meiner Unterrichtsstunde habe verlauten lassen, jeder könnte es von euch ja einmal versuchen, sich im Unterricht zu beweisen, aber dann vor der Klasse! Ich zwinkerte dem einen oder anderen dabei zu, um deutlich zu machen, dass dieser Gedanke eher im Spaß zu verstehen war, doch hast du die Gegenheit ergriffen und blitzschnell (ich weiss noch, du kamst sofort nach der nächsten Musikstunde zu mir!) Tatsachen geschaffen.
Toll! Toll, toll, toll, ich bin begeistert! Wahrlich begeistert von dir!
Besonders beeindruckt bin ich von deinem Mut, dich dieser Aufgabe zu stellen, weil du dies trotz deiner Einschränkung gesundheitlicher Art gemacht hast. Ich habe mich im Unterricht nicht weiter um deine Hörgeräte gekümmert, da du auf mich immer vollständig gesund gewirkt hast – gesunde Mitarbeit, gesunde Art 😉 Daran hat sich nie etwas geändert. Ich sehe dich als gesund an.

Mir kam auch der Gedanke – vielleicht führt dich ein solches Ausprobieren im Lehrerdasein in Richtung Lehrerberuf ? Mich würde es jedenfalls sehr, sehr freuen, wenn dieser Moment des Ausprobierens den Spalt einer Tür für dich geöffnet hätte… du würdest einen bravourösen Lehrer abgeben.

pexels-photo-426791

Alles Gute für dich! Viel Erfolg weiterhin, lieber Haider!