Am Abend erinnnere ich mich an Amabel, an die zarte, kleine, siebenjährige Amabel, wie sie mir heute ihre Arbeitsheft zeigte mit den Worten: ” Frau Armbrecht, ich bin fertig geworden mit diesem Heft!”
Ich sah mir alles genauer an und überprüfte ihre Eintragungen.
Seit drei Wochen machte ich nun schon Vertretungsunterricht (im Fach Deutsch) in Amabels Klasse, da ihre Klassenlehrerin länger fehlte. Als ich begann mit den Vertretungsstunden, sah ich Amabel ab und an an ihrem Platz sitzen und sie weinte. Es war nicht herauszubekommen aus Amabel, was der Grund für ihr Weinen war, Amabel weinte immer wieder einmal, ohne dass wir wussten, warum. Ihre Mitschüler sprachen davon, sie würde ihre Eltern vermissen, doch mehr war nicht zu erfahren.
Ich kümmerte mich um sie, indem ich eine ihrer Freundinnen bat, sich während des Unterrichts zu ihr zu setzen und sie zu trösten. Amabel ließ dies zu, und nach kurzer Zeit schien ihr Schmerz jedes Mal vorüber.

Doch heute – was war das?

Amabel hatte mir ihr Arbeitsheft vorgelegt, und sie fügte mit leiser Stimme hinzu: “Was soll ich jetzt machen? Ich bin mit allen drei Heften (Schreibtrainer, Frohes Lernen und Karibu) fertig!”
Amabel wirkte erstaunlich gefasst. Am liebsten hätte ich sie nun tanzen gesehen oder auf andere Weise bewegt, ich hätte sie auch zu mir auf den Schoß setzen können für einen Moment, denn sie hatte Großes geleistet! Ich hatte sie in der letzten Zeit immer wieder fleißig gelobt für ihr beständiges Arbeiten, sie war mir aus diesem Grund aufgefallen. Ich erinnerte mich kurz, wie sie von allen 25 Schülern in dieser Klasse stets (mit dem Rücken zu mir an ihrem Gruppentisch) am längsten über ihre schriftlichen Arbeiten gebeugt war und konzentriert bei der Sache war. Dafür hatte ich sie immer wieder belobigt. Manchmal befragte ich den einen oder anderen Schüler, ob er gut vorankommt oder ob er Hilfe braucht. Auch um Amabel kümmerte ich mich auf diese Weise und sie versicherte mir knapp aber glaubwürdig, dass sie gut zurecht kommt.

Amabel hatte sich zu einer verlässlichen und tüchtigen und auch talentierten Schülerin entwickelt, ihre Arbeiten waren überwiegend fehlerfrei!         dolphin-1548405__340

Amabel war innerhalb kürzester Zeit zum Shooting Star der Klasse geworden! Ich fragte in die Runde, als ich Amabel sanft im Arm hielt, wer alles Erstklässler sei, es meldeten sich 7 Schüler. Daraufhin wollte ich wissen, ob jemand anders von den Erstklässlern diese drei Arbeitshefte, die Amabel erwähnte, schon durchgearbeitet hätte?

Keiner meldete sich.
Amabel war die Erste, der das gelungen war!
Und, jetzt, wo ich drüber nachdenke – – — – – — – — – – — –  ich hatte sie schon längere Zeit nicht mehr weinen sehen.

Amabel, du bist unser Shooting-Star, du bist unter den Erstklässlern in Deutsch zur besten Schülerin der Klasse geworden!

Woooohooooooo!!! Ich freue mich so sehr mit dir! Du bist eine tolle Maus, ein kleines Wunder, das da auf zwei Beinen vor mir stand!dolphin-1679468_960_720 Woouw! Das ist toll!

Wir rätselten eine Weile herum, worin Amabel nun arbeiten könnte, ihre Klassenlehrerin hatte keine weiteren Arbeitsbücher in der Klasse bevorratet. Ich beschloss, sie einstweilen mit Material zu versorgen, bis der Nachschub für sie gesichert ist…

Doch vor allem klatschten wir alle freudig in die Hände, um sie zu beglückwünschen. Amabel hatte Großes erreicht, und wir alle waren voller Erstaunen über diese unerwartete Leistung der kleinen Amabel, die bisher so zurückhaltend und still war, immer so zurückhaltend und leise; doch nun hatte sie eine ganz, ganz andere Seite von sich gezeigt – wie bravourös!